Mutmacher

Vor der ersten Chemotherapie

Was passiert hier eigentlich?

Als ob die Krebserkrankung nicht schlimm genug wäre, hält sie jede Menge unschöner Premieren bereit. Eine davon ist die erste Chemotherapie. Ob per Infusion oder in Tablettenform – sie bringt jede Menge Unsicherheiten mit sich. Wovor ich mich fürchtete und welche Fragen ihr stellen könnt, berichte ich hier.

Hier kommen die wichtigsten Dinge, die ich vor der Chemotherapie gerne gewusst hätte:

  1. Kein Therapiezyklus ist wie der andere. Es lohnt sich, an jede neue Runde genauso unbedarft heranzugehen wie an die erste, weil es jedes Mal wieder eine Wundertüte ist.
  2. Das beste Onkologieteam ist Gold wert. Es gibt keine dummen Fragen und ein Team – von der Fachärztin bis zum Laborassistenten – mit dem du scherzen kannst, macht alles so viel erträglicher.
  3. Essen ist alles – wenn du kannst. Gerade die älteren Patienten haben mich zwar immer kritisch beäugt, aber mein persönliches Carepaket bei den Infusionen dabei zu haben, hat mich vor allem durch die besonders schweren Tage gebracht.
  4. Tabletten schlucken kann man lernen. Ich konnte es 27 Jahre nicht – die Chemotabletten gingen dann plötzlich runter wie Öl.
  5. Du musst dich nicht zusammenreißen. Du hast Krebs, du bist krank – es ist ok, wenn du dich so richtig beschissen fühlst.
  6. Ja, die Haare fallen (meist) aus. Aber sie wachsen auch wieder nach.

Die Angst vor dem Unbekannten

Vor der ersten Chemotherapie hatte ich nur Angst. Furchtbare Angst. Sicher, mein Onkologe hatte mich aufgeklärt. Rein rational betrachtet wusste ich, dass die Haare ausfallen würden, dass ich Schmerzen haben würde, dass ich Hilfe brauchen würde. Aber wie fühlt sich das alles an? Das war etwas, das für mich von essenzieller Bedeutung war und das mir niemand beantworten konnte. Was die Krebstherapie für jeden einzelnen bedeutet, das kannst du nur am eigenen Leib erleben. 

Ich kann dir allerdings einige wertvolle Fragen mit auf den Weg geben, die dir helfen, dich in all dieser Angst zu orientieren. Für mich war all dieses Unbekannte nämlich das Schlimmste daran. Nicht zu wissen, was passieren würde, was mich erwarten sollte.

Deshalb habe ich dir ein paar Fragen vorbereitet, die du dem Behandlungsteam stellen kannst:

  • Wie genau läuft die Therapie ab?

Lass dir den genauen Ablaufplan erklären. Bekommst du Tabletten oder Infusionen? Vielleicht sogar beides? An welchen Tagen kannst du zuhause Tabletten nehmen und wann musst du für eine Behandlung in die Praxis oder ins Krankenhaus? 

Mein Tipp: Ich habe mir für jeden Therapiezyklus einen eigenen Kalender erstellt. Es waren die Behandlungstage außerhalb genauso eingetragen wie die Erholungswoche und die Tage mit Tabletteneinnahme. Außerdem habe ich mir für jeden Tag genau aufgeschrieben, welche Tabletten ich nehmen musste, denn gegebenenfalls kommt noch einiges an Begleitmedikation dazu. Im Laufe der Therapie habe ich angefangen, meine Termine, wie Treffen oder Ausflüge, so zu planen, dass ich Tage nach bestimmten Behandlungsschritten extra freigehalten habe, wenn ich wusste, dass es mir da erfahrungsgemäß besonders schlecht gehen würde. Denk aber daran: Die Therapie ist eine Wundertüte. Jeder Plan ist nur so lange gut, bis ihn irgendetwas völlig über den Haufen wirft.

  • Was passiert, wenn ich besonders starke Schmerzen habe, Fieber bekomme oder mir sehr übel wird?

Für die meisten Nebenwirkungen und Zwischenfälle in einer Krebstherapie gibt es Medikamente oder Notfallpläne, die dann zum Einsatz kommen. Das Behandlungsteam hat das alles parat. Was sie oft nicht parat haben, ist uns Patienten darüber aufzuklären, was in gewissen Fällen passiert. Das kann entweder dazu führen, dass wir unnötigerweise in Panik geraten. Aber es kann auch verursachen, dass wir lebensbedrohliche Situationen (aus Angst) unterschätzen – so war es bei mir. Vorab zu klären, was bei „routinemäßigen“ Komplikationen angedacht ist, hilft, die Situation richtig einzuordnen.

  • Welche Untersuchungen werden wann vorgenommen?

Sollte das im Therapieplan nicht schon berücksichtigt sein, frage ruhig, wann Zwischenuntersuchungen geplant sind – und ob. Eventuell hilft es dir, diese Untersuchungen als Meilensteine zu sehen. 

  • Darf ich in den Urlaub fahren?

Als meine Freunde mir ein Nordseewochenende schenkten, dachte ich gar nicht weiter darüber nach, ob es ein Problem sein könnte, während der Therapie weg zu fahren. War es am Ende auch nicht, aber meine Onkologin war im ersten Augenblick schon skeptisch. Während der Krebserkrankung sind viele Dinge, die für gesunde Menschen Alltag sind, für uns Gelegenheiten, die wir uns erkämpfen müssen. Da eine Auszeit während der Therapie gut tun kann, frag rechtzeitig, ob es auch medizinisch unbedenklich ist, weiter weg zu fahren.

  • Wer kann mir bei der Kommunikation mit der Krankenkasse und bei Anträgen helfen?

Manche Praxen nehmen ihren Patienten eine Menge Arbeit ab. Ich musste mich beispielsweise nicht selbst um den Antrag auf den Schwerbehindertenstatus kümmern. Eigentliche alle Kliniken haben aber auch den sogenannten Sozialen Dienst. Die Mitarbeitenden dort stehen dir bei allen Fragen der sozialen Absicherung mit Rat und Tat zur Seite.

  • Mit wem kann ich sprechen, wenn mich die Krankheit zu sehr belastet?

Ein Aspekt, der während onkologischen Behandlungen oft vernachlässigt wird: Wir haben nicht nur körperlich einiges auszuhalten, sondern die Diagnose ist auch ein traumatisches Erlebnis. Selbst, wenn du gerade in diesem Augenblick gut klar zu kommen scheinst – lass dir die Karte des nächsten Psychoonkologen geben.

  • Wie kann ich meinen Körper optimal währen der Behandlung unterstützen?

Das Praxisteam oder andere Experten können dir wunderbare Tipps geben, die dir helfen, Nebenwirkungen während der Therapie zu lindern. So habe ich beispielsweise gelernt, dass Kamillentee entzündete Mundschleimhäute beruhigt, aber zu viel davon alles nur noch schlimmer macht. Hervorragendes Frühstück bei entzündetem Mund und Magen: Porridge mit schwarzem Tee.

Es gibt sicherlich noch 1.000 Fragen, die dich im Laufe der Therapie beschäftigen werden. Aber auf nicht jede davon wirst du eine Antwort finden. Alles Medizinische wird dein Behandlungsteam dir so gut es geht vermitteln. Auf die übrigen 900 Fragen wirst du deine eigenen Antworten finden müssen, denn am Ende ist jede Krebserkrankung super individuell.

MutmacherMein Rat an Betroffene: Fragen, fragen, fragen! Was auch immer euch beschäftigt, immer raus damit. Löchert eure Onkologen, sucht euch Hilfe bei anderen Experten, lest Bücher oder Onlineartikel. Am Schluss gilt aber: Es ist völlig ok, Angst zu haben. Die haben wir alle.