Diagnose

Welche Rolle spielt die Tumorkonferenz für meine Therapie?

Viele Augenpaare blicken gespannt auf die Bilder des MRT. Es sind Aufnahmen der Lunge von Herrn Meyer, einem Patienten. „Aber das ist doch ein Tumor?“, sagt die Onkologin. „Da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht ist das gar kein Krebs, sondern eine Entzündung.“ erwidert der Chefarzt der Thoraxchirurgie. Die Onkologin wendet sich zum Radiologen: „Haben wir nicht noch eine Aufnahme vom Abdomen?“ „Nur von vor zwei Jahren“ „Gut, dann machen wir noch ein CT vom Abdomen.“, entscheidet die Onkologin.

In der nächsten Tumorkonferenz betrachten sie nun gemeinsam die neuen CT Bilder und können nun eindeutig einen Tumor diagnostizieren. Man entscheidet sich aufgrund der leicht zugänglichen Lage für eine Operation und möchte, erst wenn die Histologie vorliegt, entscheiden, ob eine ergänzende  Chemotherapie oder eine Bestrahlung sinnvoll ist.

Die Tumorkonferenz ist eine Expertenkommission, die bei komplexen Erkrankungen wie Krebs eine Therapieempfehlung ausarbeitet. Dabei wird jeder Befund von verschiedenen Spezialisten gründlich angesehen und das weitere Vorgehen gemeinsam besprochen und eine Therapieempfehlung festgelegt. Daher kann man sagen, dass die Tumorkonferenz die Weichen Ihrer weiteren Behandlung stellt.

Wo und mit wem findet die Tumorkonferenz statt?

Die Tumorkonferenz findet regelmäßig in den Räumlichkeiten eines Krankenhauses statt. Es sind viele unterschiedliche Fachärzte anwesend.

Typischerweise sind das ein Onkologe, ein Strahlentherapeut, ein Radiologe, ein Chirurg (je nach Fall ein Bauchchirurg, Thoraxchirurg, Gynäkologe, oder Urologe) und ein Pathologe. ­In manchen Tumorkonferenzen nehmen auch Psychoonkologen, Ernährungsspezialisten und andere Spezialisten teil. Meistens ist immer auch der behandelnde niedergelassene Onkologe des Patienten dabei, dessen Fall gerade besprochen wird. Dazu kommen noch Assistenzärzte und Studierende als Beobachter. 

Gemeinsam schaut man auf großen Bildschirmen die radiologischen Aufnahmen und andere Befunde an. Der behandelnde Arzt stellt die Krankengeschichte des Patienten mit der Frage an die Tumorkonferenz vor. Der Leiter der Tumorkonferenz steuert dann die Diskussion und protokolliert den Beschluss des Gremiums.

Wie läuft eine solche Tumorkonferenz in der Regel ab?

Herr Meyer war beim Lungenarzt. Es gab den Verdacht auf Lungenkrebs. Um die Befürchtung abzuklären, überweist der Lungenarzt Herrn Meyer in die Klinik. Dort wird er geröntgt und eine Bronchoskopie (Lungenspiegelung) mit Biopsie durchgeführt. Nun meldet der Oberarzt Herrn Meyers Fall der zentralen Tumorambulanz, meist dem onkologischen Sekretariat der Klinik. In der nächsten Tumorkonferenz wird Herrn Meyers Diagnose vorgestellt. Der Radiologe bringt alle Bilder der Diagnostik mit, der Pathologe die Gewebeproben und der Facharzt für Pneumologie Herrn Meyers Krankengeschichte. Nun werden die Befunde anhand der jeweiligen Leitlinien, aber auch weiterer Faktoren wie Begleiterkrankungen oder auch persönliche Wünsche des Patienten diskutiert. Dann wird gemeinsam entschieden, ob eine Operation, eine Bestrahlung, eine Chemotherapie oder sogar eine Kombinationstherapie am ehesten für die Behandlung infrage kommt. Neben den involvierten Fachkollegen sind auch einige Ärzte dabei, die die Krankengeschichte von Herrn Meyer nicht kennen, Sie sind meistens Spezialisten anderer Gebiete und schauen nochmal mit einem anderen Blick auf die Befunde.

Nachdem man sich für eine Operation mit einer anschließenden Chemotherapie entschieden hat, wird Herr Meyer auf die Klinik für Thorax- und Gefäßchirurgie verlegt. Der operierende Thoraxchirurg wird nun Herrn Meyer erläutern, was das für ihn bedeutet. Herr Meyer muss nun diesem Eingriff zustimmen. Er hat natürlich das Recht, noch eine Zweitmeinung einzuholen, sei es bei einem anderen Pneumologen oder Onkologen oder direkt bei einer anderen Tumorkonferenz.

Nach der Empfehlung der Tumorkonferenz, beginnt die Therapie. Nach der Operation wird Herr Meyer dann ambulant von einem niedergelassenen Onkologen betreut. Dort bekommt er die Chemotherapie.

Bei einer Änderung des körperlichen Zustandes oder bei der Beendigung der Therapie wird nach einiger Zeit noch einmal eine kontrollierende Diagnostik durchgeführt, die bei unklarer Befundung wieder in einer Tumorkonferenz ausgewertet wird.

Verschiedene Namen für die gleiche Sache:
Tumorkonferenz = Tumorboard, Befundkonferenz, Expertenkonferenz, MDT (Multidisziplinäres Tumorboard)

Warum entscheiden viele verschiedene Ärzte über meine Therapie?

Krebs ist ein komplexes und sehr umfassendes Krankheitsbild. Immer mehr technisch hochspezialisierte Apparate, pharmakologische Fortschritte und wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen heutzutage eine hohe Heilungschance. Doch diese ganze Vielfalt kann nicht ein einzelner Arzt überblicken. Zu viele Möglichkeiten von bildgebenden, pathologischen, molekulargenetischen und sonstigen Verfahren können die Diagnose unterstützen. Und zu viel Interpretationsspielraum gibt es bei jedem einzelnen Befund. Evidenzbasierte Medizin heißt, nach wissenschaftlichen Ergebnissen und Tatsachen zu heilen.

Es braucht schon eine gehörige Portion Erfahrung, aus einem CT-Bild einen winzigen Tumor im Anfangsstadium zu erkennen. Und genau das können Fachärzte für Radiologie. Andererseits wissen Onkologen viel besser um Nebenwirkungen von systemischen Therapien wie eine Chemo. Molekulargenetiker hingegen können begründen, wann eine Chemo bei Brustkrebs sinnvoll ist oder nicht. Und so weiter.

“Nicht der  Chirurg entscheidet darüber, ob operiert wird. Und der Strahlentherapeut  beschließt nicht die Bestrahlung, und kein Onkologe legt eine Chemotherapie fest, ohne geprüft zu haben, ob OP und Strahlentherapie nicht die bessere Alternative wären. Moderne Onkologie bedeutet, dass alle drei therapeutischen Bereiche zusammen mit Radiologie und Pathologie darüber beraten und auf der Basis des modernsten Wissensstandes entscheiden, welcher therapeutische Weg für eine Heilung oder eine gute Krankheitskontrolle am erfolgversprechendsten ist.”

Die Tumorkonferenz dient dazu, eine Krebserkrankung aus möglichst verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Alle Befunde werden von den verschiedenen Experten genau beurteilt und diskutiert. Die gemeinsam erarbeitete Therapieempfehlung ist dadurch medizinisch sorgfältig geprüft und berücksichtigt die modernen Forschungsergebnisse wie Studienmedikationen. Es werden stets verschiedene Alternativen abgewogen. Sie können sich also sicher sein, dass diese Therapieempfehlung dadurch die bestmögliche für Sie als Patient ist.