Essenskultur

Warum ist es wichtig, wie ich esse?

Die Essenskultur ist kein Luxus Besserverdienender oder ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, sondern ein wichtiger Bestandteil eines gesellschaftlich und vor allem familiären Zusammenlebens. Und dieses Zusammenleben in seiner Routine, seinen Gewohnheiten und seine sozialen Steuerungen ist Bestandteil der Lebensqualität. Besonders bei schwerkranken Menschen ist diese ein wichtiger Anker und Ruhepol, der Stütze sein und Kraft geben kann. Nutzen Sie diese Traditionen und Rituale als Anker, wenn Sie gerade das Gefühl haben, dass Sie die Kontrolle über Ihr Leben durch die schwere Erkrankung verloren haben.

Essenskultur als Alltagsgewohnheit

Bevor es direkt um das Essen als solches geht, möchte ich gerne die Kultur der Familienmuster betrachten. Viele Mahlzeiten werden auch heute noch gemeinsam eingenommen, obwohl diese Tendenz stark abnimmt. Doch nach wie vor spielen gemeinsame Mahlzeiten eine wichtige gesellschaftlichen Rolle. Man denke nur an Geschäftsessen, Geburtstagsfeiern und Empfänge. Immer wird das Gemeinsame mit Essen und Trinken gekoppelt.

Essen als Grundbedürfnis

Die Nahrungsaufnahme ist einer der Grundbedürfnisse des Menschen, ähnlich wie die Sexualität, der eigene Schutz und auch die Religion oder Spiritualität. Doch gerade das Essen und Trinken ist auf Gemeinsamkeit angelegt und entfaltet seine höchste Kultur. Beim Thema Essen geht es vor allem um die Speisenauswahl, die Zubereitung, die Essensaufnahme und die Darreichung der Speisen. Von der einfachsten Zubereitung über dem Feuer bis hin zu den prunkvollen Kreationen Auguste Escoffiers der französische Haute Cuisine kann die Vielfalt der verschiedenen Essenskulturen reichen. Unzählige Kochschulen, Benimmregeln und Restaurant-Lehrbücher geben einen Einblick über die immense Bedeutung der Nahrungsaufnahme des Menschen. Und immer geschieht sie am liebsten in der Gruppe.

Essen ist Familiengeschichte

Jede Familie hat auch ihre Geschichte der Mahlzeiten. Bei den einen gibt es am Sonntag Klöße, bei anderen zu Silvester Karpfen. Manche mögen stets eine Vorsuppe, bei einigen hingegen ist die Degustation korrespondierender Weine obligat. Doch ob es Bockwurst oder Hummer, Matjes oder Seezungenfilet, Pudding oder Birne Helene ist, immer zeigt die Tradition familiärer Speisen eine Identifikation mit der Familie und mit der Region.

Und diese Tradition kann Anker und Halt sein, wenn man aufgrund einer schwere Erkrankung aus der Bahn geworfen wird. Krebs kann eine solche Erkrankung sein, die alles verändert. Und viele alltäglichen und bisher als nebensächlich erschienenen Dinge werden plötzlich sehr wichtig und unmittelbar und unverzichtbar. Das kann die vertraute Umgebung sein, das Zuhause, die Angehörigen, kleine Rituale und eben das gemeinsame Essen.

Denn als Betroffener einer Krebserkrankung ist vieles problematisch geworden. Manche Nahrungsmittel kann man nicht mehr essen, oft fehlt einem der Appetit. Geschmacksveränderungen und andere Nebenwirkungen wie Völlegefühl, Durchfall oder Schmerzen beim Schlucken lassen das Essen nur noch als lästige Pflicht erscheinen. Man erinnert sich oft nur noch wehmütig an bessere Zeiten, wo Essen Spaß machte und schmeckte. Hier können ritualisierte Essenskulturen helfen, in der Gemeinschaft und durch die Erinnerung an frühere Mahlzeiten das integrative Gefühl der Zugehörigkeit hervorzurufen. Zum anderen führen gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten aber auch zu einer bewussteren Nahrungsmittelaufnahme.

Und schämen Sie sich nicht, wenn Sie etwas nicht mehr mögen, weniger essen oder gewisse Dinge nicht riechen können. Versuchen Sie dennoch, nicht alleine zu sein, nicht zu liegen, nicht nebenbei etwas einzunehmen, sondern sich bewusst eine Mahlzeit herrichten.

Essenskultur als Nahrungsmittelaufnahme

Wenn wir als Menschen essen, dann tun wir das nicht nur, um Nahrung aufzunehmen. Sondern essen macht Spaß, schmeckt, macht uns glücklich und kann gute Gespräche erzeugen. Das alles und vieles mehr kann essen bedeuten. Daher sind Mahlzeiten eine Kultur, die jeder Mensch individuell erlebt und pflegt. Das fängt schon bei der Zubereitung der Speisen an. Allein schon ein einfaches Frühstück mit etwas Brot und Aufstrich ist eine eigene Kultur. Man kann sich auch von einem Laib Brot kleinere Stücke abreißen und essen. Das gleiche ist auch mit Schinken oder Wurst möglich. Aber oft wird das Brot in Scheiben geschnitten und in einen extra dafür vorgesehenen Brotkorb gelegt. Dazu gibt es Butter und die Wurst in Scheiben, eventuell Käse und Marmelade.

Wenn Sie nun als Patient jahre- und jahrzehntelang eine solche Essenskultur erlebten, gibt man mit einer liegenden und nur noch pragmatischen Nahrungsaufnahme nicht nur alte Gewohnheiten auf, sondern auch die damit verbundene Kultur. Das kann demütigend sein und zusätzlich seelisch belasten. Daher ist es wichtig, dass Sie immer versuchen sollten, eine Tisch- und Essenskultur aufrechterhalten. Sie sollten es sich Wert sein, denn der visuelle Eindruck eines liebevoll angerichteten Mahles kann den Appetit anregen.

Fazit

Die Essenskultur ist so tief in uns verwurzelt, als dass sie nicht nur Kulturen und Identitäten prägt, sondern auch im Alltag eines schwerkranken Menschen seine Würde stützt und seine Lebensqualität erhöht. Deswegen sollten Ihre Essgewohnheiten, die kulturelle Identität und die Mahlzeiten möglichst in der gewohnten Weise erfolgen, da der Rahmen den Appetit steigern und das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören hemmen kann. Gemeinsame Mahlzeiten fördern auch die gemeinsame Bindung, die Sie in Ihrer schweren Zeit oft am dringendsten benötigen.

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