Mutmacher

Keine Angst vor der Wahrheit!

Wenn selbst Ärzte sich vor dem Krebs fürchten

Du liegst mit unklaren Symptomen im Krankenhaus und hoffst einfach nur auf Antworten. Doch statt der gewünschten Klarheit erntest du betretenes Schweigen. Stationsärztin, Oberarzt, Krankenschwester – sie alle wissen, dass die richtige Diagnose entscheidend ist. Aber weil du jung bist, haben sie selbst Angst vor der Krebsdiagnose. Sogar die Hoffnung auf einen Abenteuerurlaub in Sibirien ist ihnen nicht zu schade, um dich nicht mit dem Offensichtlichen zu konfrontieren. Wie sich falsch verstandene Rücksichtnahme anfühlt und wie wir damit umgehen können, erzähle ich hier.

Egal wie schlimm es ist – wir haben ein Recht auf Information

Rückblickend kann ich in dem Verhalten des Klinikpersonals Rücksicht und Zuwendung erkennen. Niemand hat mich böswillig um Informationen betrogen. Es wollte mir bloß niemand Angst machen, man wollte mich schützen.

Doch bei mir verursachte dieses Verhalten Unsicherheit. Unwissenheit macht Angst. Deshalb kann ich allen Betroffenen nur mitgeben: Fragt nach, seid hartnäckig, lasst euch informieren. Niemand muss endlose Tests pro Tag über sich ergehen lassen, ohne zu wissen, wofür und warum. Ihr habt ein Recht auf Information – macht davon Gebrauch!

Gehört ihr zu den Menschen, die mit schlechten Nachrichten gut umgehen können, dann macht das von Tag eins an deutlich. Das Wissen um den aktuellen Stand der Erkrankung und auch um offene Fragen kann euch helfen, euch selbst in der Situation zurecht zu finden. Im Klinik- und Praxisalltag vergessen Mediziner häufig, dass Wissen auch Macht ist. Erinnert sie daran.

Alle Zeichen stehen auf Sturm – aber keiner will den Krebs kommen sehen

Es war für Ende Mai ungewöhnlich heiß, als gefühlt das gesamte Klinikpersonal um meinem Krankenbett herum stand. Es war ein Mittwochmorgen, die Chefarztvisite fand statt, und ein Tross aus Chefarzt, Stationsärztin, diversen Assistenzärzten und Pflegepersonal versuchte herauszufinden, was mir fehlte.

Falsch, eigentlich wussten wir alle, was mir fehlte. Es war Tag drei meines Krankenhausaufenthaltes und bereits an Tag eins war der Begriff „Lymphdrüsenkrebs“ gefallen. Alle Symptome deuteten darauf hin: ein tastbarer Lymphknoten über dem Schlüsselbein, Nachtschweiß, ungewöhnlich hohe Leukozytenzahlen, im Ultraschall sichtbar geschwollene Lymphknoten auf beiden Seiten des Zwerchfells, rapider Gewichtsverlust und Blutsalzgehalte, die nach einem sofortigen Herz-Kreislauf-Stillstand schrien. Jede der anwesenden Personen wusste, worauf die Differenzialdiagnostik hinauslaufen würde. Allerdings schien es, als ob nur ich der Wahrheit ins Auge blicken konnte.

Abenteuerurlaub in Sibirien – kein Problem, Hauptsache kein Krebs!

Der erste und einzige Arzt, der in zehn Tagen Krankenhaus wirklich den Mumm hatte, das Offensichtliche zu benennen, war der Chefarzt auf der Intensivstation. Bei der Visite an meinem ersten Morgen im Krankenhaus war er so frei, zu sagen: „Wir wissen noch nicht genau, was Ihnen fehlt, am wahrscheinlichsten ist Lymphdrüsenkrebs. Aber keine Sorge, der ist in Ihrem Alter gut heilbar!“

Mein Alter war in den folgenden Tagen das Problem, das den Medizinern am meisten zu schaffen machte. Ich war zu diesem Zeitpunkt erst 27 Jahre alt und hatte zudem zwei Kinder. Meine Tochter war erst elf Wochen alt. Diese Kombination aus Alter, Familienstand und der möglichen Diagnose machte allen Beteiligten sichtlich Mühe. Im Umgang mit mir schienen alle auf rohen Eiern zu laufen Niemand wollte so richtig mit der Sprache herausrücken. Bei der Chefarztvisite auf der Station für Innere Medizin gipfelte die Verzweiflung der Ärzte schließlich in einem munteren Rätselraten an meinem Bett.

„Hatten Sie schon einmal Tuberkulose?“

„Haben Sie in den vergangenen Jahren in einem Flüchtlingsheim gearbeitet?“

„Besitzen Sie exotische Pflanzen oder Tiere?“

„Waren Sie in Vergangenheit zufällig in Sibirien im Urlaub?“

Zugegeben, mit jeder Frage amüsierte ich mich zusehends über die Kreativität der Ärzte. Doch mit jedem „Nein“ meinerseits verdüsterten sich die Gesichter der anwesenden Mediziner. Es war offensichtlich, dass das Klinikpersonal so verzweifelt nach einer Differenzialdiagnose zu meinen Leiden suchte, dass ihnen jede Erklärung recht war. Der Gedanke in ihren Köpfen hing regelrecht in der Luft.

„Wir können einer 27-jährigen Mutter doch nicht sagen, dass sie Krebs hat.“

Bitte, liebe Mediziner, habt Mut!

Mein Problem mit dem Verhalten des Klinikpersonals war: Mir war doch schon völlig klar, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Die Magen-Darm-Spiegelung blieb ergebnislos, jegliche Virustests waren ohne Befund, die OP zur Lymphknotenentnahme schon längst angesetzt. Lymphdrüsenkrebs war die einzige Option, die Sinn ergab.

Bei mir rief das Verhalten der Mediziner starke Unsicherheit hervor. Ich hatte während dieser ganzen Zeit keine Angst vor der Diagnose selbst – ich hatte Angst, wertvolle Zeit zu verschwenden. Mir war klar, dass ohne Gewebeprobe keine Diagnose zu stellen war, und dass keine OP ohne triftigen Grund angeordnet wurde. Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Ärzte, allen voran meine Stationsärztin, von vorneherein Klartext gesprochen hätten.

Für mich als Patientin ging durch die endlose Suche nach alternativen Erklärungen für meinen Zustand gefühlt unendlich viel Zeit verloren. Statt immer neuer Lösungsansätze hätte ich mir Klartext gewünscht, um mich auf das vorbereiten zu können, was kommen sollte. Schlimmer als die Diagnose „Krebs“ fand ich die Ungewissheit. Schwerkrank zu sein ist mies. Nicht zu wissen, ob und was man dagegen tun kann, ist mieser.

#mutmacher

Mein Rat an alle Betroffene: Fordert ein klares Statement. Krebs ist furchtbar, und die Gewissheit der Diagnose ein Schock. Aber die Vermutung und unausgesprochene Tatsache zermürbt einen noch mehr. Nach vorne zu blicken heißt auch zu wissen, von wo aus man blickt. Eine Krebsdiagnose ist sicherlich eine komplexes Zusammenspiel verschiedener Untersuchungsergebnisse. Aber eine Entscheidung muss her, ansonsten ist keine Therapie möglich. Und diese Entscheidung ist das Statement, dem man klar ins Auge blicken sollte. Mir hat es geholfen, als ich endlich klar wusste, woran ich bin.