Mutmacher

Smalltalk und Behandlungsfahrten

Die Kunst, für sich selbst einzustehen

Zu Beginn der Chemotherapie sind die meisten Patienten heilfroh um die Möglichkeit, Behandlungsfahrten mit dem Taxi von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Allerdings kommt früher oder später der Tag, an dem die Behandlung so viel Kraft erfordert, dass das Gespräch mit dem Fahrpersonal völlig überfordert. Der Fahrer allerdings möchte höflich sein und stößt immer wieder ein Gespräch an. Wie es sich anfühlt, Smalltalk zu machen, obwohl existieren schon zu viel erscheint, und wie man für sich selbst einsteht, das erzähle ich hier.

Freundlich aber bestimmt – Nein sagen ist erlaubt!

Eine Krebsbehandlung ist eine Ausnahmesituation. Egal, wie dankbar du für die Möglichkeit bist, dich von einem Taxi zu den Arztterminen fahren zu lassen: Du bist niemandem etwas schuldig. Fühlst du dich zu müde, zu erschöpft oder bist mit den Gedanken nicht ganz da, ist es völlig ok, den Smalltalk sein zu lassen. Sage einfach direkt zu Beginn der Fahrt, dass du dich unwohl fühlst und ungern reden wollen würdest – niemand wird dir das wirklich übelnehmen.

Fühlst du dich mit bestimmten Fahrern oder Fahrerinnen nicht wohl, kannst du auch das ansprechen. Es ist kein Problem, in der Zentrale anzurufen und mit der Disposition zu klären, dass du gern von jemand anderem gefahren werden möchtest. Gerade Unternehmen, die mit Krankenfahrten Erfahrung haben, werden versuchen, auf deine Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.

Ein Hoch auf die Behandlungsfahrten!

Als feststand, dass ich eine Chemotherapie erhalten würde, war der sogenannte „Taxi-Schein“, im Behördendeutsch „Verordnung einer Krankenbeförderung“ genannt, eines der ersten Dinge, die ich erhielt. Die Praxis meiner Onkologin war 25 Kilometer von meinem Wohnort entfernt und da niemand mich unter BEACOPPeskaliert ans Steuer lassen würde, war klar, ich würde einen Fahrdienst brauchen. Um meine Familie nicht noch zusätzlich zu belasten und mich auch nicht in den Ruin zu treiben, stellte ich also bei meiner Krankenkasse den Antrag auf Übernahme der Beförderungskosten.

Mit dem Taxi-Schein in der Hand engagierte ich das Taxi-Unternehmen um die Ecke, die mich fortan zwischen zwei und vier Mal die Woche in die Praxis und wieder nach Hause fuhren. Im Laufe der Zeit lernte ich interessante, nette und sehr liebenswerte Fahrer und Fahrerinnen kennen – mit der einen oder anderen habe ich bis heute sporadisch Kontakt.

Ich war froh und dankbar um die Möglichkeit, mich fahren zu lassen. Es fiel für mich lediglich eine Zuzahlung in Höhe von 10 Euro an. In enger Absprache mit der Disposition fuhren die Taxen mich zu Chemotherapien, Blutwertekontrollen, Transfusionen und auch zu Notfall-Terminen. Bei kurzen Terminen warteten die Fahrerinnen sogar, um das Ganze so angenehm wie möglich für mich zu gestalten.

Smalltalk – nein danke!

Mit fortschreitender Therapie wurde meine Verfassung immer zerbrechlicher. An manchen Tagen war das reine Existieren schon genug, und ich war einfach nur froh, Lippen und Augen geschlossen halten zu dürfen. Fühlte ich mich derart elend, waren die Taxifahrten für mich zu Beginn Grund zur Panik. Ich bin ein durch und durch höflicher Mensch. Jeder von uns kennt den Zwang, sich mit seinem Fahrer unterhalten zu müssen, eben aus Höflichkeit. Doch an manchen Tagen war mir das schlicht und ergreifend zu viel.

Die ersten Male quälte ich mich selbst und versuchte, trotz akuter Erschöpfung, ein Gespräch aufrecht zu erhalten. Ich antwortete, nickte, lächelte höflich und war aber das eine oder andere Mal kurz davor, zu weinen. Mich kostete das Aufrechterhalten der Höflichkeit so viel Kraft, dass ich die ersten Male völlig entkräftet in der Praxis oder zuhause ankam.

Antwortete ich nur kurz angebunden und versuchte, zumindest zu signalisieren, dass ich nicht reden wollte, fühlte ich mich unwohl. Es schien so unhöflich, dabei wollten die Fahrer es mir ja nur so angenehm wie möglich machen. Bei dem Gedanken, offen zu sagen, dass ich nicht reden wollte, fühlte ich mich aber noch unwohler.

Schließlich, es war im Laufe des zweiten Chemozyklus, nahm ich allerdings meinen Mut zusammen. Mein Kreislauf war sehr instabil, ich konnte mich kaum darauf konzentrieren, überhaupt geradeaus zu laufen. Beim Einsteigen ins Taxi formulierte ich es also offen: „Entschuldige bitte, aber ich möchte mich heute nicht unterhalten. Mir geht es nicht gut.“

Es ist wichtig, für dich selbst einzustehen!

Es geschah, was abzusehen war: Niemand nahm es mir übel. Stattdessen fragte die Fahrerin, ob wir vielleicht ein bisschen Musik hören wollten. Ebenso schlug sie einfaches Schweigen vor. Die Erfahrung, dass mein Bedürfnis nach Ruhe völlig in Ordnung war, erlebte ich immer wieder. Mit jedem Mal fiel mir die Bitte nach Schweigen leichter. Im Laufe der Therapie wandte ich diese neu gewonnene Freiheit auch in anderen Situationen an und lernte immer klarer zu formulieren, was ich brauchte und wollte.Im Endeffekt glaube ich, dass ich an diesen Situationen etwas sehr Essentielles für mich selbst gelernt habe. Es ist gut und wichtig, für sich selbst einzustehen. Kein Anstand dieser Welt darf von uns verlangen, über unsere Grenzen hinaus zu gehen. Es ist völlig in Ordnung, auch mal „Nein“ zu sagen.

Mutmacher

Mein Rat an alle Betroffenen: Habt Mut! Traut euch, offen zu kommunizieren, was ihr wollt, braucht oder nicht wollt. Gerade Dinge wie die Beförderung zu Praxisterminen ist ein Segen, aber niemand darf von euch deshalb überzogene Dankbarkeit erwarten. Besonders während der akuten Therapie macht ihr die Regeln. Achtet auf euch, eure Bedürfnisse und äußert diese klar!