Wenn die Diagnose zur Realität wird

„Verdammt, ich habe Krebs!“

Zwischen dem ersten CT, der Portlegung und der Chemotherapie bleibt kaum Zeit, emotional wirklich zuzulassen, dass man Krebs hat. Die Geschäftigkeit wird zum schützenden Schild, der zwischen rationalem und emotionalem Erleben steht. Wie es sich anfühlt, wenn man  realisiert, dass man krebskrank ist, und welche Strategien dabei helfen, erzähle ich hier.

Niemand muss immer stark sein

Als mich das Ausmaß meiner Krebsdiagnose traf, dachte ich, ich müsse stark sein und das Ganze mit Fassung tragen. Das ist Schwachsinn! Niemand muss immer stark sein. Es ist völlig ok, sich von der Diagnose überfordert zu fühlen und Angst zu haben.

Mit meiner Familie, meinen Freunden und qualifiziertem Personal zu sprechen hat mir geholfen, mit der Diagnose, meiner Angst um mein Leben, der Wut und der Trauer besser zurecht zu kommen. Selbst wenn dir das Ausmaß der Diagnose erst am Ende der Behandlung klar wird: Das ist ok. Unser Gehirn ist darauf programmiert, traumatische Erlebnisse solange abzumildern, bis wir in der Lage sind, damit umzugehen.

Auch ich habe lange gebraucht, bis ich wirklich realisierte, was die Krebsdiagnose für mich bedeutete. Hätte ich früher begriffen, dass niemand von mir erwartete, stark zu sein, hätte ich das Monster „Krebsdiagnose“ viel eher an die Leine gelegt.

„Sie haben Lymphdrüsenkrebs.“

An den Tag, an dem ich meine Krebsdiagnose erhielt, erinnere ich mich, als ob es gestern gewesen wäre. Ein heißer Tag Mitte Juli, die Sonne strahlte, und auf meiner Nase hatte ich einen leichten Sonnenbrand. Zwei Lymphknotenentnahmen lagen hinter mir, und zwischen Bangen und Hoffen versuchte ich, mir meine Leichtigkeit zu behalten. Für mich, immerhin war noch nichts entschieden. Solange keiner „Krebs“ sagte, war noch alles möglich. Aber auch für meine Kinder wollte ich meine Leichtigkeit behalten. In ihrem ersten, strahlend schönen Sommer zu zweit, mit fast 2 Jahren und gerade einmal vier Monaten, sollten die beiden nicht mitbekommen, wie sehr sich der Horizont verdunkelte.

„Sie haben Lymphdrüsenkrebs.“ Der Onkologe hatte den Satz schon raus, kaum dass ich mich gesetzt hatte. Die Erläuterungen zum Befund, zum weiteren Vorgehen, zu den Heilungschancen, all das liegt bis heute im Nebel. Als wir wieder im Wartezimmer saßen, meine Schwiegermutter und ich, sah ich sie an und sagte bloß: „Wie soll ich das Lars denn beibringen? Und den anderen?“ Das war der Moment, in dem ich absolut die Fassung verlor und bitterlich, herzzerreißend weinte. Für einige Wochen sollte das der einzige Moment bleiben, in dem meine Krebsdiagnose mich so zerriss.

Keine Zeit zum Nachdenken zwischen CT und Port-OP

Was folgte waren das erste CT, eine Knochenmarkpunktion und die anschließende Portlegung. Innerhalb von nur einer Woche hakte ich alle drei Dinge ab. Meine Chemotherapie sollte immerhin schon zwei Wochen nach der Diagnose beginnen. Der Befund drängte, Morbus Hodgkin im Stadium IV B war nichts, das Müßiggang zuließ. In Hals, Nacken, Achselhöhlen, Brustkorb, Bauchraum und in den Leisten waren Tumore zu finden. Die Milz war ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen und auch das Knochenmark war befallen. Der strahlende Sonnenschein wich mit einem Wimpernschlag erdrückender Dunkelheit.

Die weitere Diagnostik und auch der Beginn der Chemotherapie erfolgten so schnell, dass mir kaum Zeit blieb, wirklich zu realisieren, was mir gerade passierte. Das Leben ging weiter. Neben der Behandlung musste ich auch ganz praktische Dinge organisieren, wie den Taxischein und die Haushaltshilfe. Unser Familienleben sollte so normal weitergehen, wie irgendwie möglich. Immerhin hatte ich zwei Kinder unter zwei Jahren. Also tat ich, was ich am besten konnte: Ich funktionierte.

Verdammt, ich habe Krebs.

Dass ich tatsächlich sterben könnte, begriff ich am ersten Tag des zweiten Behandlungszyklus’. Aufgrund niedriger Leukozytenzahl reagierte ich allergisch auf die Chemotherapie und entging nur knapp einer Sepsis. Spät am Abend wurde ich mit wehenden Fahnen ins Krankenhaus eingeliefert. Das war der Abend, an dem ich das erste Mal zu meiner besten Freundin sagte: „Versprich mir, dass meine Kinder mich nicht vergessen.“

Als sich die Lage schnell wieder stabilisierte, schien der Schrecken der Krebsdiagnose nachzulassen. Erst mit Beginn des vierten Chemotherapiezyklus traf mich die bittere Realität mitten ins Gesicht: Verdammt, ich habe Krebs.

Durch das ziemlich in Mitleidenschaft gezogene Knochenmark regenerierten sich meine Blutzellen nicht so wie sie sollten. Die Leukozyten waren wochenlang im Keller, ich nahm Antibiotika wie Smarties und die Fortführung der Chemotherapie verzögerte sich Woche um Woche. Der mittlerweile so liebgewonnene Trott aus Chemotherapien und Blutkontrollen wurde zu einem zähen Marathon aus Blutabnahmen und Warten, Warten und Blutabnahmen. Plötzlich kehrte so etwas wie Ruhe ein, und durch die aufgetretenen Komplikationen schien mein Gehirn erst zu realisieren, dass ich nicht bloß eine Grippe hatte.

Plötzlich setzten die Verzweiflung, die Wut und die Ohnmacht ein, die jeder andere um mich herum drei Monate vorher schon erwartet hatte. Es zerriss mich innerlich. Nicht nur, weil ich mich meiner Krebsdiagnose final stellen musste, sondern auch, weil ich dachte, dass ich mich nun auch nicht mehr in Selbstmitleid suhlen müsste. Immerhin war das Ende der Chemotherapie abzusehen, sollte das PET-CT gut ausfallen, wäre der vierte Behandlungszyklus der letzte. Ein bisschen spät, um über seiner Krebsdiagnose zu verzweifeln, oder?

Ich schlief kaum noch, weil ich von Alpträumen geplagt wurde. Die Todesangst war so präsent, dass ich tagelang nur weinte. Panikattacken mehrten sich, meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Dieses Monster, das den Namen „Krebs“ trug, schubste mich munter in der Gegend rum. Ich war der Angst, der Wut, der Verzweiflung heillos ausgeliefert.

Das Monster an die Leine legen

Schließlich tat ich das Beste, was ich hätte tun können: Ich begann, darüber zu reden. Mit meinem Mann, unserer Familie, mit meiner besten Freundin sprach ich darüber, dass ich jetzt erst verstand. Das hier war ernst. Es ging um mein Leben. Immer und immer wieder sprach ich darüber, wie viel Angst ich hatte, wie wenig ich verstand, warum gerade mir das passieren musste.

Es wurde nicht unbedingt leichter. Krebs hatte ich schließlich immer noch. Aber ich kam besser mit meiner Situation zurecht. Indem ich darüber redete, welches Monster mich verfolgte, gewann ich die Kontrolle zurück. Mit jedem Gespräch über meine Diagnose legte ich das Monster fester an die Leine. Es konnte mich immer seltener nachts überfallen, wenn ich allein und schlaflos in meinem Bett lag. Statt mich zu ängstigen, wurde das Monster zu meinem Begleiter, den ich mir zwar nicht ausgesucht hatte, den ich aber in seine Schranken weisen konnte.

Ich lernte, dass es völlig ok war, erst spät während der Behandlung zu realisieren, dass mein Leben auf dem Spiel stand. Mein Gehirn war sogar äußerst klug: Die seelische Belastung der Diagnose hätte ich zusätzlich zu den körperlichen Strapazen wahrscheinlich nie so gut verkraftet. Meine Seele hat ihren Schmerz erst zugelassen, als sie sich sicher war, dass mein Körper das Schlimmste überstanden hatte.

Zwei Monate, nachdem ich seelisch am Tiefpunkt angelangt war, bekam ich die Nachricht, dass alles überstanden war. „Komplette metabolische Remission“ war die gute Nachricht. Krebsfrei. Während ich mich schon auf eine Bestrahlung eingestellt hatte, hatte mein Körper dafür gesorgt, dass ich mich in Ruhe mit meinem Schicksal auseinandersetzen konnte, weil seine Strapazen erst einmal überstanden waren. Ob ich nur diese Schlacht für mich entschieden habe oder ob sogar der Krieg gewonnen ist, wird die Zeit zeigen. Aber das Monster, das mit der Krebsdiagnose in mein Leben einzog, das habe ich gezähmt. In meinem Leben bin wieder ich die Chefin.

MutmacherMein Rat an alle Betroffenen: Überfordert euch nicht. Die Krebsdiagnose erschüttert uns bis ins Mark. Es ist ok, wenn es Zeit braucht, bis ihr wirklich zulassen könnt, dass ihr Krebs habt. Holt euch die Diagnose schließlich ein, dann macht das nicht mit euch selbst aus! Redet mit euren Liebsten, sprecht mit dem onkologischen Fachpersonal, holt euch therapeutische Hilfe. Es ist normal, mit all dem völlig überfordert zu sein. Psychoonkologen bieten geschulte Hilfe an, um mit der Krankheits- und Behandlungssituation umzugehen. Fragt eure behandelnden Mediziner nach passenden Kontakten!

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