Mutmacher

Alltag ohne Mama

Wie Krebs die Beziehung zu den Kindern stört

Je kleiner die Kinder sind, desto spürbar schwieriger wird es für den erkrankten Elternteil, im Alltag der Kinder präsent zu bleiben. Regenerationszeiten, Nebenwirkungen der Chemotherapie und der Versuch, die Kinder zu schützen, führen zu Beeinträchtigung in der Beziehung zu den Kindern. Wie es sich anfühlt, wenn das Babymädchen den Papa vorzieht, weil es Mama kaum als Bezugsperson wahrnimmt, und wie man damit umgehen lernt, erzähle ich hier.

Bindung wächst über das gesamte Leben

Wird Mama oder Papa krank, treten Alltag und Normalität in den Hintergrund. Stattdessen ist der Tag geprägt von Organisation, Ruhezeiten und dem ständig schlechten Gewissen, den Kindern nicht gerecht zu werden. Aber: Bindung wächst über das gesamte Leben. Nur, weil Du einige Monate lang ausfällst, ist die Beziehung zu Deinen Kindern nicht verloren. Im Gegenteil: Überwindest Du den Krebs, hast Du noch viele, viele Jahre, um Deine Kinder zu lieben.

So schwer es Dir fallen mag: Verlier niemals aus den Augen, wie sehr Deine Kinder dich lieben. Natürlich bauen sie Beziehungen zu anderen auf. Zeitweise sind diese Beziehungen enger als die zu Dir, weil Du Deine Kinder nicht füttern, nicht wickeln, nicht zum Kindergarten oder in die Schule bringen kannst. Aber Du bist eines ihrer Elternteile. Deine Kinder werden Dich lieben, egal was kommt, solange sie nur wissen, dass Du sie liebst.

Vom Wochenbett ins Krankenhaus

Als ich zur erstmaligen Diagnostik ins Krankenhaus musste, war meine Tochter gerade einmal elf Wochen alt. Zehn Tage lang war ich stationär in Behandlung. An nur zwei von diesen zehn Tagen habe ich meine Kinder gesehen. An nur einem von diesen zwei Tagen war meine Tochter dabei.

Die Gründe dafür waren so einfach wie bescheiden: Es war mitten im Hochsommer, schon im Schatten hatten wir 30° Celsius und die Klinik war 30 Minuten von unserem Zuhause entfernt. Für Kinder von elf Wochen und knapp eineinhalb Jahren war es einfach unzumutbar, regelmäßige Besuchsfahrten im heißen Auto mitzumachen.

Nichtsdestotrotz müssen wir festhalten: In der Zeit, die für meine Tochter am prägendsten war, war ich nicht da. Meine körperliche Verfassung ließ es nicht zu, sie allein zu versorgen. Sie heben, tragen, mit ihr die Treppe herauf- oder hinabgehen – all das war mir nicht möglich. Mein Kreislauf konnte nicht einmal mich selbst zuverlässig auf den Beinen halten. Also kümmerten sich in den ersten Monaten ihres Lebens primär andere um meine Tochter. Ich war Zaungast, geduldet, aber selten mittendrin.

Das erste Mal bemerkte ich die Entfremdung von meiner Tochter, als sie mich an Tag 7 meines Krankenhausaufenthaltes besuchte. Sie war fast zwölf Wochen alt und schon so sehr an andere Menschen gewöhnt. Als ich sie füttern wollte, kostete es uns einiges an Zeit und Geduld, bis sie in Ruhe trank. Es war so ungewohnt für sie, von ihrer eigenen Mutter gehalten zu werden.

Familienleben light

Während meiner Chemotherapie habe ich so gut es ging, am Familienleben teilgenommen. Allerdings habe ich gerade in den ersten beiden Therapiezyklen und im letzten viel geschlafen oder geruht. Phasenweise haben meine Kinder mich nur nach dem Aufstehen und vor dem Zubettgehen gesehen. Zwischen Kita und Nachtschlaf habe ich häufig zu viel geschlafen, um ihren Alltag zu teilen.

Ging es mir gut, haben wir versucht, Normalität zu genießen. Wir waren spazieren, ich habe mit ihnen Bücher angeschaut oder Duplo gespielt. Der Große hat manchmal sogar sein Duplo zu mir auf das Sofa geholt, nur, um seiner Mama nah zu sein. Doch immer, wenn es um anstrengendere Aufgaben ging – etwa hochheben, toben, Essen zubereiten – mussten sie auf ihren Papa ausweichen. Zu oft sagte ich: „Nein, ich kann das heute nicht. Frag bitte Papa“. Sie lernten schnell, dass auf ihre Mama nicht immer Verlass war.

Zwischen der Geburt meiner Tochter, nach der sich die ersten Symptome zeigten, und dem Ende meiner Chemotherapie, sorgten sich viele, verschiedene Menschen um meine Kinder. Sie wurden in einem Betreuungsnetzwerk groß, das weit über die Familie hinausging. Meine Schwiegermutter, ihre Schwester und Schwägerin, Bekannte und Freunde sowie Cousins und Cousinen meines Mannes übernahmen die Betreuung, wenn ich zu schwach war oder mein Mann arbeiten musste. Die Kita fing unseren Großen hervorragend auf. Besonders meine Tochter, mein süßes, kleines Babymädchen, musste sich daran gewöhnen, immer wieder ein neues Gesicht zu sehen.

Ich muss es sagen, wie es ist: Ich habe einiges verpasst. Vor allem die süße, prägende Babyphase meiner Tochter, habe ich völlig versäumt. Als meine Schwiegermutter einmal davon sprach, wie meine Tochter im Sommer nur schlief, trank, herumlag und dann wieder schlief, wie es alle Babys tun, wusste ich nicht, wovon sie sprach. Zu dieser Zeit war ich krank und in Chemotherapie, ich schlief viel und war wenig anwesend. Die Zeit, die andere Eltern im ersten Babyjahr am meisten genießen, wurde mir komplett genommen. Es bricht mir bis heute das Herz.

„Nein, Papa!“

Knapp neun Monate im Leben meiner Kinder habe ich weitestgehend verpasst. Bis heute sind sie beide sehr auf ihren Vater geprägt. Tut meiner Tochter etwas weh oder ist sie müde, lässt sie sich von mir nur bedingt beruhigen. Sieht sie ihren Vater, lässt sie mich nicht mehr an sich heran. Verlässt ihr Papa den Raum, bricht es ihr das Herz. Daran, dass ihre Mutter geht oder nicht da ist, ist sie allerdings gewöhnt.

Mein Sohn hat zwar eine engere Bindung zu mir, allerdings lebt er auch mit der Gewissheit, dass Papa immer da ist, während Mama hin und wieder ausfällt. Also kann es vorkommen, dass er ablehnt, wenn ich ihm bei etwas helfen will: „Nein, Papa!“ Für meine Kinder ist Papa der Berg, der sichere Hafen, die Definition von Verlässlichkeit.

Für mich ist das schwer. Sehr schwer. Immer wieder werde ich vermeintlich abgelehnt. Es ist einfach natürlich, dass sie die engere Beziehung zu ihrem Vater haben. Unsere Kinder gehorchen einfach ihrem evolutionären Instinkt: Sie verlassen sich auf das Elternteil, das ihnen die höheren Überlebenschancen bietet, weil es sich verlässlich füttern, warmhalten, beschützen kann.

Meine Kinder lieben mich. Aber in einer sehr prägenden Phase ihres Lebens mussten sie erfahren, dass Mama eben nicht immer da ist.

Wir haben alle Zeit der Welt

Es gibt sie, diese Momente, in denen meine Kinder mich spüren lassen, wie sehr sie mich lieben. Etwa, wenn der Große nach der Kita bereits draußen an der Garage ruft: „Wo ist meine Mama?“ und strahlend auf mich zugerannt kommt, um zu kuscheln. Oder, wenn die Kleine sich vom Arm ihres Vaters zu mir herabbeugt, nur, um sich einen Kuss geben zu lassen und dann begeistert zu lachen. Ich habe vielleicht viel verpasst – aber die Liebe meiner Kinder ist bedingungslos.

Jetzt, nach der Chemo, holen wir all das nach, was ich im vergangenen Jahr nicht konnte. Wir spielen, wir lachen, wir toben, wir baden, kuscheln, begleiten einander in den Schlaf. Ich zeige meinen Kindern die Welt, erkläre, höre zu, begleite. Wir haben jetzt gerade – in Remission – alle Zeit der Welt, um enger zusammen zu wachsen. Bindung wächst über die Jahre.

Das halte ich mir jedes Mal wieder vor Augen, wenn mein Herz über die versäumten Monate zerbrechen will: Bindung wächst das ganze Leben. Das, was ich verpasst habe, ist nur ein Ausschnitt aus einem Abenteuer, das wir über viele Jahre noch gemeinsam erleben werden. Meine Kinder lieben mich – trotz und weil ich ausgefallen war. Weil ich behandelt wurde, habe ich ein Leben mit meinen Kindern vor mir. Ein ganzes, langes, schönes Leben.

MutmacherMein Rat an alle Betroffenen: Es ist ok, traurig zu sein, aber schaut, welche Perspektive vor euch liegt. Die Trennungsphasen während der Therapie werden sich auszahlen, denn sie werden euch mehr Zeit mit euren Kindern und der Familie ermöglichen. Nutzt kleine Inseln: Gelesene Bücher oder gesehene Filme auf dem Sofa, gemeinsames Kuscheln zum Einschlafen, ein kurzer Spaziergang um den Block. Kinder brauchen nicht viel, um zu wissen, dass sie geliebt werden. Seid einfach da, wenn ihr die Kraft habt. Eure Kinder lieben euch, egal wann und egal wo.