Mutmacher

Bye, bye Baby!?

Die Krebstherapie und der Kinderwunsch

Je jünger Krebspatienten sind, desto mehr rückt, neben der Chance auf das Überleben, ein zweiter Aspekt in den Mittelpunkt: die eigene Kinderplanung. Selbst wenn man schon zwei Kinder hat, ist die eigene Fruchtbarkeit etwas, das einen beschäftigt. Wo die Sache mit der Chemo und der Kinderplanung bei mir schiefgelaufen ist, was ihr besser machen könnt als ich und welchen Erfolg ich feiern durfte, verrate ich hier.

Mein Fehler war, dass ich nicht lang genug nachgedacht habe. Statt innezuhalten und mit einem Leben nach der Therapie überhaupt zu rechnen, habe ich direkt alle Möglichkeiten über Bord geworfen und deshalb nur stumm den Kopf geschüttelt. Wenn du in dieser Situation bist: Mach es besser als ich!

Als Patientin oder Patient ist es dein absolutes Recht, so lange nachzufragen, bist du alles verstanden hast und deine Entscheidung aufgrund einer soliden Datenbasis treffen kannst. Das betrifft auch den Punkt Fruchtbarkeit nach der Krebstherapie. Informiere dich umfassend vor Beginn der Therapie, welche Möglichkeiten es gibt, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

Selbst wenn Kinderplanung für dich noch in weiter Ferne liegt: Mach dir ein, zwei Tage umfassend Gedanken, wie du persönlich zu einer Familiengründung stehst. 

Solltest du bereits Kinder haben und glauben, du seist mit der Familienplanung fertig, gib dir etwas Zeit, diesen Gedanken zu festigen. Sollte der Entschluss feststehen, ist es umso besser, wenn du dir unumstößlich sicher bist. Denn am Ende der Therapie könntest du vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

In jedem Fall sage ich heute ganz klar: Besteht auch nur der letzte Funken eines Zweifels, dann ergreife alle Möglichkeiten, die sich dir bieten, um auch nach der Therapie Kinder bekommen zu können. Du musst ja keine haben, das ist dir überlassen. Aber es ist ein besseres Gefühl, nicht zu wollen, aber zu können, wenn man will.

Sie sind mit der Kinderplanung durch, nicht?

Als ich für die erste Chemotherapie ins Krankenhaus eingewiesen wurde, war die Frage nach meiner familiären Situation die erste, die bei der Therapieaufklärung gestellt wurde. Meiner Akte entnahm der Stationsarzt, dass ich bereits zwei Kinder hatte. Vom zweiten war ich gerade fünf Monate vorher erst entbunden worden.

„Sie haben ja schon zwei Kinder. Sie sind mit der Kinderplanung dann doch sicher durch, nicht?“, fragte der Stationsarzt so beiläufig wie möglich. Ich nickte stumm, schob ein schnelles „Sicher, zwei reichen“ hinterher. Natürlich war ich in dem Augenblick davon überzeugt. Immerhin war meine Jüngste erst fünf Monate alt, ich war diese fünf Monate lang bereits krebskrank gewesen, mein älterer Sohn war erst 1,5 Jahre und ich ein Wrack. Wie sollte ich in diesem Augenblick noch an ein drittes Kind denken?

Alles, was mir mein Onkologe bis dahin erklärt hatte, war, dass ich die geringe Chance hätte, meine Eierstöcke mit einem Medikament quasi in den „Ruhezustand“ zu versetzen. Aber er hatte mir wenig Hoffnung gemacht, dass diese Spritze wirklich funktionieren würde. Unsicher, wie ich war, habe ich nie wieder nachgefragt. Über die Option, Eizellen einfrieren zu lassen, wurde ich gar nicht erst aufgeklärt. Ich glaube, der Stationsarzt erwähnte es am Rande. Aber hauptsächlich klärte er mich darüber auf, dass ich durch die Chemotherapie unfruchtbar werden könnte und dass ich doch jetzt bitte hier und hier unterschreiben solle, dass ich diesen Fakt verstanden hatte.

All die Kinder, die ich nicht wollte und doch ersehnte

Was für Folgen diese Aufklärung und meine Unwissenheit hatten, dämmerte mir erst im Verlauf der Chemotherapie. Im ersten Therapiezyklus hatte ich meine Menstruation noch einmal, dann blieb sie aus. Mit ihrem Versiegen wurde mir klar: Das war real. Nicht nur der Krebs litt unter der Therapie, auch mein Körper. Meine Tochter könnte mein letztes Kind bleiben.

Die Krebstherapie endete, ich bekam die Nachricht, mich in Remission zu befinden. So gut es ging, nahm ich mein Leben wieder auf. Nicht nur fing ich wieder an zu arbeiten, begann mich zu engagieren, auch mein Familienleben wurde viel bunter. Mit dem ersten Geburtstag meiner Tochter, mit den ersten Schritten, den ersten Worten wurde mir immer bewusster, dass ich nicht nur erste, sondern auch letzte Male erlebte. Meine Periode blieb nach wie vor aus. Ich war offiziell unfruchtbar. 

So sehr ich auf meine Regelblutung im Generellen verzichten könnte, wurde mich klar, dass ich nicht nur sie, sondern auch die Fähigkeit, ein Kind zu gebären, verloren hatte. Diese Erkenntnis war hart. Ich wollte eigentlich auch kein drittes Kind mehr. Aber ich wollte die Möglichkeit haben, es nicht zu wollen. Der Abschluss der Kinderplanung sollte eine aktive Entscheidung sein.

Zu Beginn der Chemotherapie wurde ich so überrumpelt, dass ich die Entscheidung, keine fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen zu treffen, eher passiv traf. Umso mehr trauerte ich nun darum, nicht zurück zu können. Denn mit einem Mal war ich unsicher: War es das wirklich schon? Wollten wir keinem weiteren Kind ein warmes, liebevolles Zuhause bieten?

Sicher, es gibt die Option der Adoption. Aber mir ging es um die grundlegenden, körperlichen Erfahrungen. Die Magie der Schwangerschaft, die Harmonie des Stillens, den Zauber eines neuen Anfangs. Ich wollte mich so kurz nach der Krebstherapie keiner neuen Schwangerschaft aussetzen, aber ich wollte auch nicht vor vollendeten Tatsachen stehen.

Im Grunde betrauerte ich nicht nur meine Fruchtbarkeit an sich, sondern auch die vielen, vielen Einschnitte und unfreiwilligen Einschränkungen, die der Krebs in mein Leben gebracht hatte. Das Ausbleiben meiner Periode zeigte mir, wie sehr der Krebs mein Leben beschnitten hatte.

Der Silberstreif am Horizont

Noch während ich versuchte, mich mit dem Unausweichlichen abzufinden, geschah etwas, das sogar meine Onkologin zu verblüffen schien: Nur fünf Monate nach vier Zyklen BEACOPP eskaliert kam meine Regelblutung zurück!

Seither ist der Zyklus einigermaßen regelmäßig und scheinbar auch fruchtbar. Nach wie vor befinde ich mich in den zwei Jahren „Schonfrist“, die meine Onkologin mir vor einer weiteren Schwangerschaft angeraten hat, deshalb weiß ich nicht, wie unsere Chancen tatsächlich stehen. Aber: Wenn wir wollten, könnten wir wohl ein drittes Kind bekommen. Wir wollen gerade nicht. Aber wir könnten.

MutmacherNicht nur mein Fall zeigt, dass eine Krebstherapie nicht das Ende des Kinderwunsches bedeuten muss. Du brauchst dich nicht voreilig von deiner Familienplanung verabschieden. Selbst wenn die eigene Fruchtbarkeit dem Krebs zum Opfer fällt: Auch per Adoption lassen sich liebevolle und harmonische Familien gründen.

Stehst du unmittelbar vor der Krebstherapie rate ich dir aber, dich umfassend von deinem Therapieteam aufklären zu lassen. Welche Folgen wird die Therapie auf die Fruchtbarkeit haben? Welche Maßnahmen kannst du ergreifen, um dich so gut wie möglich abzusichern? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Lass dich nicht abwimmeln. Auch wenn ich es damals nicht geglaubt habe: Es gibt durchaus ein Leben nach dem Krebs!

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